Migration und Ethik
Die Zahlen steigen...
Erst wurden für das Jahr 2015 400.000 ankommende Flüchtlinge in der Bundesrepublik prognostiziert, dann erhöhten die Behörden die Vorhersage auf erst 600.000, dann auf 800.000 und mittlerweile redet man von erwarteten 1,5 Mio.
Die Politik hat das Thema Migration völlig verschlafen und ist gegenwärtig überfordert. Man kann den Politikern dafür jedoch nicht alleinig die Schuld zuweisen, denn wie wir alle wissen, sind diese Damen und Herren lediglich "kurzzeitige Entscheider", die auf ihre Berater, vor allem aber auf die Behörden und Institutionen angewiesen sind.
An genau dieser Stelle ist die Hauptschuld für das gegenwärtige Chaos zu finden.
Dazu flink zwei Beispiele:
1. Medizinisches Screening aller ankommenden Asylsuchenden - Tuberkulose
Ein Bundesgesetz aus dem Jahr 2001 regelt die Bedingungen, wie ankommende Asylsuchende medizinisch zu begutachten und zu versorgen sind. Seither hat sich die Medizin weiterentwickelt und selbst Landesbehörden haben diese neuen Kenntnisse vernommen. Während man früher keine andere Möglichkeit zum zeitnahen Auffinden einer Lungentuberkulose hatte ausser dem Röntgen, hat man mittlerweile sehr viel sicherere und günstigere Möglichkeiten hierfür. Z.B. der THT (Tuberkulin Haut Test) mit einem Sachkostenpreis von unter 2,-€, oder den Quantiferon Gold Test (IGRA) mit einem Sachkostenpreis von unter 9,-€. Im Gegensatz dazu kostet eine Röntgenaufnahme an Sachkosten über 16,-€, die bei positivem Verdachtsbefund dann auch nur dazu dient, einen IGRA Test zu veranlassen.
In Hannover hat die Tuberkulose Beratungsstelle der Region Hannover mal die Kosten und den Nutzen für das Jahr 2006 unter die Lupe genommen. Hätte man 2006 die Reihenfolge THT, wenn pos > IGRA, wenn pos > Röntgen,..., eingehalten, hätte dies bei den 2.184 Verdachtspatienten eine Einsparung von 27.911,15 € (bei einer Gesamtkostenhöhe von 34.944,-€), also von fast 80% bedeutet.
Daneben hätte man auch der Röntgenverordnung entsprochen, denn darin steht:
- § 15: „… dass jede unnötige Strahlenexposition von Menschen vermieden wird, … so gering wie möglich gehalten wird“
- § 23: „Die rechtfertigende Indikation erfordert die Feststellung, dass der gesundheitliche Nutzen der Anwendung am Menschen gegenüber dem Strahlenrisiko überwiegt. Andere Verfahren mit vergleichbarem gesundheitlichen Nutzen, die mit keiner oder einer geringeren Strahlenexposition verbunden sind, sind bei der Abwägung zu berücksichtigen.“
- § 25(1): „ Für die Anwendung von Röntgenstrahlen am Menschen in den nach dem Infektionsschutzgesetz vorgesehenen Fällen gelten die §§ 23 Abs. 3 und 24…“
- § 25(2): “Die durch eine Röntgenuntersuchung bedingte Strahlenexposition ist so weit einzuschränken, wie dies mit den Erfordernissen der medizinischen Wissenschaft zu vereinbaren ist."
2. Gesetzesänderungen und Geld - Sprachkurse
Im September 2015 wurden auf Bundesebene viele Gesetzesänderungen durchgewunken, um den Asylsuchenden schneller und unbürokratischer, zudem effektiver helfend begegnen zu können. Dabei wurden jedoch medizinisch sinnvollere Verfahren, wie im zuvor geschilderten Fall Tuberkulose, "vergessen" und vorschnell sehr viel Geld für Sprachkurse freigegeben.
Wir haben schon jetzt in unseren Kindergärten und Schulen zu wenig qualifiziertes Personal und einen Mangel an Lehrkräften. Wer soll also hier in einem deutlich schwierigeren Rahmen, eine angemessene Sprachausbildung gewährleisten können?
Daneben hat man scheinbar völlig vergessen, die Bedeutung der Begriffe Migration, Flucht und Asyl zu berücksichtigen.
Es wird pauschal unterstellt, dass alle hier in Deutschland bleiben wollen. Aber wollen sie das wirklich? Besonders die Menschen aus Kriegsgebieten würden doch gewiss lieber heute als morgen wieder zurück in ihre Heimat gehen, sofern dort wieder Frieden einkehrt. Geben wir diesen Menschen doch daher einfach erst einmal Sicherheit, Geborgenheit, Versorgung und Privatsphäre, sowie daneben Angebote zur Integration und zum Zusammensein mit ihren Landsleuten und lassen wir uns von ihnen ihre Kultur näher bringen, anstatt sie übereilt zu "Deutschen" umformen zu wollen.
Im Urlaub sind wir doch auch stets an der Kultur der anderen interessiert, oder? Wie interessant z.B. der Irak sein kann, können Sie bei Interesse auch >HIER< bei uns schon einmal nachlesen.
Dass alle Behörden und Kommunen schon seit längerem völlig überlastet sind, ist hinreichend bekannt. Wo sind jetzt aber die Verantwortlichen der zuständigen Fachorgane, wie z.B. die Ärztekammern, die zwar ihre Mitglieder um ehrenamtliches Engagement bitten, aber die ihnen keine fachliche Hilfestellung bei relevanten Themen geben. Ja, es gibt jetzt bald kurze Seminare, wo auf rechtliche Rahmenbedingungen und Abrechnungsmodalitäten hingewiesen werden, ABER dies hat nichts mit der ärztlichen Grundtätigkeit zu tun.
Die hier aus aller Welt eintreffenden Menschen kommen aus Regionen, in denen Infektionskrankheiten endemisch sind, die hier kaum ein Arzt mehr kennt. Hier haben die Verantwortlichen schon seit Jahren gepennt und sowohl das faktische Wissen um die weltweiten Migrationsbewegungen verdrängt, wie auch selbst nach Vogelgrippe, Schweinegrippe, Masern und Ebola nicht bedacht, die Ausbildung der Mediziner anzupassen.
Übrigens: In Deutschland gibt es kein Fach "Infektiologie" (bei über 550 Infektionskrankheiten)!
Hier begründet sich nun auch die Hilflosigkeit bei vielen Medizinern, die Krankheitsbilder manchmal einfach nicht erkennen können, da ihnen das Wissen dazu fehlt. Selbst in den Medien lesen wir immer häufiger die Aussagen von medizinischen Fachverbänden, dass dieses dringend benötigte Wissen fehlt.
medicalQM hat bereits seit Jahren wiederholt auf dieses Problem aufmerksam gemacht, dennoch wollte in Deutschland niemand etwas von dem Thema wissen. Weder die großen Hilfsorganisationen, noch die Gesundheitsbehörden waren für derartige Programme motivierbar. Heraus kam dennoch das Buch "Der Kleine Infektiologe", in dem alle weltweit auftretenden Infektionskrankheiten bei Menschen faktisch und wissenschaftlich nachprüfbar dargestellt werden, mit Beschreibung der Symptome, dem Krankheitsverlauf, den entsprechenden Diagnoseverfahren, der effektiven Behandlung und den epidemiologischen Besonderheiten.
Eigentlich sollte das Buch nur verkauft werden, aber die sich gezeigte Problematik des Wissensmangels hat dazu geführt, dass das Buch von medicalQM seit Monaten kostenfrei an anfragende Mediziner herausgegeben wird.
Da dies sehr viel Geld kostet (das Buch hat knapp 500 Seiten und wiegt 1 Kg, kann somit auch nicht vergünstigt als Büchersendung verschickt werden), hat man bei der Politik und bei den Institutionen angefragt und um Unterstützung gebeten, aber während die Niedersächsische Ministerin für Soziales und Gesundheit "aufgrund des Neutralitätsgebotes" nicht mitmachen wollte, hatte die Ärztekammer Hannover das Argument "Wir wissen das doch alles!".
Tja, ein derartiges Agieren und Reagieren war es Wert, doch mal mit Seiner Heilgkeit dem Dalai Lama über das Thema Heimat, Flucht, Kultur und Medizin zu reden. Hier ein Auszug:
tho:
Ist für uns Menschen der Heimatort immer auch der Ort unserer Geburt?
SHDL:
Ich selbst bin heimatlos – aber es gibt ein tibetisches Sprichwort: Wo immer du glücklich bist, dort ist deine Heimat. Wer immer dir Liebe gibt, dies sind deine Eltern.
1973 bin ich zum ersten Mal von Indien nach Europa gereist und man hat mich gefragt, warum ich in all diese verschiedenen Länder reise – darauf konnte ich nur antworten, dass ich auf der ganzen Welt zuhause bin. Dies trifft auf uns alle zu – wir sind alle einer von 7 Milliarden Menschen. Wann immer man uns mit einem Lächeln begegnet, sollten wir uns zuhause fühlen.
tho:
Wer reist, dringt in andere Kulturen ein. Haben Sie einmal irgendwo negative Erfahrungen dabei machen müssen?
SHDL:
Bei einem Besuch war ich im Auto unterwegs – und wie Sie wissen, lächele ich gerne jeden Menschen an. Eine junge Frau kreuzte unseren Weg, also lächelte ich auch sie an. Doch mein Lächeln löste offensichtlich argwöhnische Gedanken bei der jungen Frau aus, denn sie schaute sehr grimmig zurück.
Dabei wurde mir bewusst: „Oh, diese junge Frau hält mein Lächeln leider für unangebracht oder gar beleidigend“. Ein freundliches Lächeln kann also manchmal auch negative Reaktionen auslösen. In meinem Verständnis von Mitgefühl gibt es nur Frieden und keine Grundlage für Argwohn oder Distanziertheit unter den Menschen. Ohne Hintergedanken hat man den größten Gewinn für sich selbst – die junge Frau hat mein Lächeln jedoch anders empfunden und es löste in ihr Unbehagen aus.
tho:
Gibt es Wege, damit derartige kulturelle Missverständnisse nicht zu einem interkulturellen Problem heranwachsen?
SHDL:
Manchmal sehen die Menschen Toleranz und Vergebung als Zeichen der Schwäche und Aggressivität, und Angriffslust als Zeichen der Stärke an. Dem ist tatsächlich nicht so. Jene, welche Aufrichtigkeit zu ihrem Prinzip gemacht haben, sind in der Lage die Courage aufzubringen, sich Problemen und denen, die sie schaffen, zu stellen. Menschen, die diese Prinzipien nicht verinnerlicht haben, fehlt die innere Stärke und Wahrhaftigkeit, mit der dann aufkommenden Wut umzugehen, und sie sind bereit, Probleme mit Gewalt zu lösen. Die Wurzeln von Toleranz und Vergebung liegen daher in der Warmherzigkeit.
tho:
Wir kennen viele Kollegen unterschiedlichster Religionen in der ganzen Welt, die sich im Umgang mit ihren Patienten an einer säkularen Medizin orientieren. Sie reden sehr oft von einer säkularen Ethik - können Sie kurz erläutern, was Sie darunter verstehen?
SHDL:
Der angemessene, effektive Weg menschliche Werte zu vermitteln, liegt in der Erziehung. Auf dem Gebiet der säkularen Erziehung sind religiöse Lehren oftmals unangebracht. Auch die praktische Umsetzung ist schwierig, wie am Bespiel Indien oder vieler anderer multi-religiöser Länder zu sehen ist.
Wenn man moralische Ethik nur auf der Basis religiöser Lehren versteht, ergeben sich daraus viele Komplikationen. Zudem gehören von den 7 Milliarden Menschen über eine Milliarde keiner Glaubensrichtung an, was wiederum neue Komplikationen aufwirft.
Daher ist die einzig realistische Option um moralische Werte zu fördern, die Erziehung in säkularer Ethik.
Der säkulare Weg basiert auf biologischen Fakten und wird durch auf Intelligenz basierende Schlussfolgerungen unterstützt. Es liegt an uns, den Weg einer säkularen Ethik basierend auf säkularen Grundlagen zu fördern - denn eine solche Ethik hat universelle Gültigkeit. Wenn die Menschen durch eine säkulare Erziehung wahrhaft von den menschlichen Werten überzeugt sind, wird auch die religiöse Praxis viel bedeutsamer und wahrhaftiger. Andernfalls läuft Religion Gefahr, zum reinen Lippenbekenntnis zu werden. Manchmal muss ich religiösen Lehrenden sehr deutlich zu verstehen geben, dass ich sie für scheinheilig erachte, wenn sie viele nette Dinge zwar sagen, diese aber nicht praktisch umsetzen [lacht].
tho:
Worin sehen Sie die Begründung, dass auf diesem immer enger werdenden Planeten Kenntnisse des Anderen oft nicht angenommen werden und das eigene Wissen oft ungerne weitergegeben wird?
SHDL:
Die menschliche Gesellschaft besteht derzeit aus 7 Milliarden verschiedenen Wesen, mit 7 Milliarden verschiedenen Ansichten – und das ist ganz normal. Es gibt also immer unterschiedliche Sichtweisen. Jene die Respekt für andere empfinden, hören sich die anderen Ansichten zunächst einmal an. Wenn es Reibungspunkte gibt, reden sie respektvoll miteinander darüber und versuchen, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen.
Ich denke, durch die Entwicklung der Bevölkerung und der Technologie ist die Welt sehr viel kleiner geworden. Dass wir alle voneinander abhängig sind, kann man beispielsweise am Klimawandel oder an der Weltwirtschaft sehen. Ereignisse in abgelegenen Gebieten haben Auswirkungen, welche bis auf die andere Seite der Welt reichen.
Die Zeit ist gekommen, um die Welt als eine Einheit zu begreifen. Wir müssen die 7 Milliarden Menschen als unsere Brüder und Schwestern auffassen und ein Gefühl von Einheit entwickeln.
Es ist jedoch gerade unsere Intelligenz, die eine Menge Probleme auf diesem Planeten hervorruft. Wir beuten unseren Planeten aus, ohne Grenzen zu kennen. Wir benutzen Tiere wie Vögel oder Fische zur Befriedigung unserer Konsumbedürfnisse. Wir Menschen beuten diesen Planten hemmungslos aus, ohne die Rechte der Tiere zu beachten.
Selbst untereinander töten wir uns, wie die Schreckensnachrichten aus Syrien derzeit zeigen – das ist einfach furchtbar. Auch Religion missbrauchen wir, um Zwietracht zu säen und zu töten.
Bei Ihnen in Europa ist das Leben bei allen Schwierigkeiten der letzten Jahre, gerade in Deutschland grundsätzlich von Vernunft und hoher Lebensqualität geprägt. Auf demselben Planeten jedoch, beispielsweise auf der südlichen Hemisphäre, sterben jedes Jahr Millionen Kinder - und wir alle kennen die Bilder von dürren Müttern mit sterbenden Kindern in den Armen.
Dieselben menschlichen Wesen auf dem gleichen Planeten.
Wir sollten die individuellen Interessen jenen der gesamten Menschheit unterordnen. Wir handeln jedoch zumeist genau umgekehrt, denn viele der Probleme, denen wir uns stellen müssen, kommen daher, dass wir unsere individuellen Interessen denen der gesamten Menschheit voranstellen. Wir haben die grundlegenden menschlichen Werte vergessen.
Auf lange Sicht gilt für jede individuelle Gemeinschaft, dass sie nur profitieren kann, wenn die Menschheit als Ganzes glücklich, friedfertig und mitfühlend agiert.
medicalQM möchte auch weiterhin das Wissen aus dem Buch "Der Kleine Infektiologe" möglichst vielen Ärzten, Kliniken und Betreuern in Gemeinschaftsunterkünften von Asylsuchenden kostenfrei zur Verfügung stellen und sucht daher nach Sponsoren für die Erstellungs- und Versandkosten.
Die Auflage "Der Kleine Infektiologe" wird bald vergriffen sein und das Team von medicalQM gestaltet gerade eine Sonderausgabe des Buches unter dem Titel "Migrationsmedizin".
Das Exemplar wird im November fertig sein und wenn ausreichend Sponsoren und Unterstützer gefunden werden, geht das Buch im Januar auf den Weg an möglichst viele Personen und Einrichtungen.
Ziel ist die Bereitstellung von Fachwissen, um damit auch seltene Infektionskrankheiten frühzeitig zu erkennen, optimal zu behandeln und damit sowohl den ankommenden Flüchtlingen eine optimale medizinische Infektionsversorgung zu bieten und dabei die hiesige Bevölkerung vor potentiellen Ansteckungen zu schützen.
Danke schon jetzt an die Projektunterstützer
BDMS - medicalQM - Bangkok Hospital -
Wenn auch Sie das Projekt unterstützen wollen, geben Sie doch bitte diesen Link www.Migrationsmedizin.de weiter oder melden Sie sich bei contact@medicalQM.com
Vielen Dank!
(07.10.2015 - tho)