Rezension Referenzhandbuch Impf- & Reisemedizin

Das Handbuch Impf- und Reisemedizin 2019

Nach unserer über Jahre nicht positiven Erfahrung mit dem Handbuch Reisemedizin↗ des Thieme verlagseigenen Institutes CRM, schauen wir heute einmal in ein anderes deutsches Werk zur Reisemedizin, das Referenzhandbuch Impf- und Reisemedizin 2019↗.
Für den fachlichen Inhalt dieses Buches ist der amtierende Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin↗; Herr Dr. Burkhard Rieke↗ verantwortlich. Einer seiner Vizepräsidenten ist Herr Prof. Jelinek↗, dessen fachlich zu verantwortendes Werk CRM Handbuch Reisemedizin↗ wir seit Jahren mit wissenschaftlichen Belegen kritisieren↗.

Aufgrund unserer wiederholten Kritiken zur fachlichen Kompetenz von Prof. Jelinek baten wir die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin↗ um eine Stellungnahme, welche uns nicht gewährt wurde. Um heraus zu finden, welche Gründe hier ein Schweigen begründen könnten, haben wir nun auch um ein Rezensionsexemplar des "Referenzhandbuch Impf- und Reisemedizin 2019↗" beim herausgebenden Verlag gebeten. Dieses Rezensionsexemplar haben wir am vergangenen Donnerstag erhalten und hier nun unsere Beurteilung.

Das jährlich erscheindende Referenzhandbuch Impf- und Reisemedizin↗ hat in der Ausgabe 2019 435 Seiten, von denen sich
- 43 Seiten mit Impfungen, Impfstoffen und Impfabrechungen,
- 288 Seiten mit Länderinformationen und
- 104 Seiten mit dem Thema Reisemedizin (Prävention, Flugmedizin, Lebensmittelhygiene, Medikamente, Tauchen, Höhenmedizin, Malaria, Insekten, Reiserückkehrer, Meldepflichten und reisemedizinisch bedeutsame Infektionserkrankungen) befassen.

Der erste Teil mit Informationen zu Impfungen ist übersichtlich gestaltet und bietet auch bei nicht alltäglichen Impfungen eine gute Hilfestellung für den beratenden Arzt.
Hervorzuheben ist die Liste mit Impfstoffen, welche aktuell nicht mehr im Handel sind. Damit kann ein Arzt schnell nachvollziehen, was er denn da vielleicht in einem Impfausweis dokumentiert findet. Gleichsam ist auch der Abschnitt zur Dokumentation und Abrechnung für den reisemedizinisch beratenden Mediziner hilfreich.

Der zweite Teil mit Länderinformationen nimmt 2/3 des gesamten Werkes in Anspruch. Hier haben wir nur sporadisch hineingeschaut.
Allgemeine Länderinformationen ändern sich nur gelegentlich, daher haben wir mal nach Eswatini geschaut. Eswatini ist der seit dem vergangenen Jahr gültige Name für das zuvor benannte Swasiland. In der alphabetisch geführten Länderliste ist Eswatini mit Verweis auf das unter dem Buchstaben S eingeordnete Swasiland angeführt. Auch wenn es in dieser Form nicht perfekt ist, so findet man es als suchende Person jedoch problemlos. Einziger Haken hierbei: Leider hat man bei der Änderung dieses Eintrages die Adressdaten der angeführten Deutschen Botschaft nicht re-evaluiert. Die hier unter Swasiland abgelegte Anschrift der Deutschen Botschaft in Eswatini lautet nicht wie im Buch "180 Blackwood Street, Arcadia, Pretoria 0083", sondern 201 Florence Ribeiro Avenue, Groenkloof Ext 11, Pretoria 0181↗.

Im Vergleich zur Rezension des CRM-Handbuches↗ ist hier im Referenzhandbuch Impf- und Reisemedizin jedoch positiv anzuführen, dass man z.B. die Länderinformation zu Indonesien nicht in mehrere Landesregionen aufgespalten hat und das bei der medikamentösen Malariaprophylaxe auch Doxycyclin angeführt wird. Bei den Infektionsrisiken für das Land Indonesien hat man jedoch die Amöbiasis, die Poliomyelitis, die Tuberkulose und die Lepra nicht erwähnt.

Infektionsrisiken in Indonesien

  • Amöbiasis

    In Indonesien sind Infektionen mit Amöben überall anzutreffen, so wie hier belegt auf der Insel Bali. Und damit sind die "Durchfall-Amöben" ebenso wie die "freilebenden Amöben" gemeint.

  • Poliomyelitis & Lepra

    Diese Infektionserkrankungen gibt es auch heute noch aktuell in Indonesien. Hier auf dem Bild sitzen beiden Erkrankungen nebeneinander.

  • Tuberkulose

    In Indonesien findet man noch heute Tuberkulose in all seinen Erscheinungsformen. Hier auf dem Bild ist ein Knochenbefall zu sehen.

Kommen wir nun zum dritten Teil des Buches, in dem wir unser besonderes Augenmerk auf die aufgelisteten "reisemedizinisch bedeutsamen Infektionserkrankungen" richten wollen. In diesem Bereich hatten wir in den CRM-Ausgaben↗ ja besonders viele Fehler kritisiert.

Auch hier finden wir schon bei der ersten angeführten Infektionserkrankung "Amöbiasis" Mängel.
Als Synonym für die Amöbiasis wird einzig "Amöbenruhr" angeführt. Hier könnte man mehr erwarten, wie z.B. die "Amöben-Dysenterie", die "Amöben-Kolitis", ... aber die Autoren hegen ja keinen Anspruch auf Vollständigkeit, was einleitend auch im Buch vorgebracht wird.
Bei dem dann folgenden Punkt Erreger der Amöbiasis hingegen führt man lediglich Entamoeba histolytica an, was jedoch für einen Arzt irreführend ist, denn zu den potentiell krankheitsauslösenden Amöben gehören neben Entamoeba histolytica u.a. weitere Entamoeba Spezies wie. E. dispar, E. moshkovskii, E. bangladeshi, E. nuttali, E. coli, E. hartmanni, E. polecki, E. chattoni, sowie auch noch die eng verwandten Erreger wie Endolimax nana, Iodamoeba bütschlii; ähnlich auch Dientamoeba spp.. Warum also NUR Entamoeba histolytica?
Bei der Beschreibung der Klinik und auch der Therapie zeigt sich dann ein klassisches Problem. "Eindeutschungen oder Neuwortkreationen" sind stets irreführend oder fehlleitend. Hier wird von einer "Lumeninfektion" gesprochen, ohne die beiden Worte Lumen↗ und Infektion↗ in ihrer medizinisch/biologischen Bedeutung betrachtet zu haben, denn sonst hätte man von einer Darmlumeninfektion mit Cysten und/oder Trophozoiten schreiben müssen. Genau daran orientiert sich nämlich die nachfolgende Behandlung - siehe: Amöbiasis↗ - welche hierdurch auch die Leser dieses Werkes in eine nicht optimale Behandlungseinleitung lenkt.

Wir werden nun nicht jedes im Buch angeführte Krankheitsbild ausführlich hier aufschlüsseln, denn das würde den Rahmen hier sprengen. Es sind aber vornehmlich die "Verdeutschungen von internationalen wissenschaftlichen Bezeichnungen", welche auch in diesem Werk zu einer vermeidbaren Fehlerlastigkeit führten.

Kurz dazu nur die folgenden Beispiele:
Bei den angeführten Infektionskrankheiten Chikungunya und O'nyong-nyong wird als Synonym "breakbone fever" angeführt. Die Bezeichnung "breakbone fever" ist jedoch ein Synonym lediglich für Infektionen mit einem Dengue-Virus (für das auch das Synonym "dandy fever" verwendet wird). Beim "Dengue-Fieber" hingegen kennt man in diesem Buch kein Synonym.
Die "unspezifischen" Synonyme lauten für Chikungunya z.B. "knuckle fever" und für O'nyong-nyong z.B. "Epidemische Polyarthritis".

Bei den im Buch gelisteten Infektionserkrankungen "Bartonellosis" und "Sandfliegen-Fieber" wird von "Sandfliegen" gesprochen, was falsch ist, denn der korrekte deutsche Begriff für "Sandfly" ist Sandmücke↗ und nicht Sandfliege. Alternativ könnte man natürlich auch den internationalen und wissenschaftlichen Begriff "Phlebotominae" nutzen.

Beim Krankheitsbild "Mediterranes Fleckfieber" finden sich gleich zwei bedeutsame Fehler. Zum Einen wird der angeführte Erreger Rickettsia conorii mit nur einem "i" am Ende vorgebracht, zum Anderen wird für dieses Krankheitsbild noch der Erreger "R. africae" angeführt, welcher jedoch Auslöser des "Afrikanischen Zeckenbissfieber's" ist. Ok, als "Afrikanische Fleckfieber" wird das African Tick Bite Fever hier auch als Synonym für das Mediterrane Fleckfieber gelistet, aber damit wird es nicht richtiger... Vielleicht aber hat man das "Afrikanische Fleckfieber" ja auch von der Abkürzung "ASF" abgeleitet, einer durch eine Subspezies von R. conorii (Ssp. caspiensis) ausgelösten Krankheit, jedoch steht hier "ASF" für das "Astrakhan Spottet Fever".

Fazit:

Vergleichen wir die beiden Fachpublikationen der verschiedenen Personen aus dem Präsidium der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin↗, dann stellt sich erst einmal die Frage, warum nicht mit einer Stimme gesprochen wird.
Bewerten wir den evidenzbasierenden Inhalt der beiden Publikationen, dann finden wir in beiden Werken markante Fehler, aber das "Referenzhandbuch Impf- & Reisemedizin" hat zumindest ein paar hilfreiche Zusatzinformationen im Angebot.
Ärzte und Apotheker, welche fachkompetente und evidenzbasierende Informationen suchen, werden auch mit diesem Buch schon aufgrund des belegbar mangelhaften Basiswissens nicht zufrieden sein.


(04.02.2019 - tho)

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