Eine Reise zur Naturkatastrophe

Pragmatismus statt Paranoia

Vor wenigen Tagen, am 14. August 2026, kam es um 23:58 Uhr MESZ vor der Nordküste der ostindonesischen Insel Flores zu einem Erdbeben der Stärke 7.6, worüber ich 35 Minuten später durch das GDACS (Global Disaster Awareness and Coordination System) auf meinem Smartphone informiert wurde.
Mindestens 38 Tote, mehrere Verletzte und viele Häuser wurden schwer beschädigt, auch Krankenhäuser.

27. August 2026

In der Region gibt es aktuell weitere Beben:
26.08.2026 54km NNW von Ende (Mag. 5.0)
26.08.2026 42kn NE von Ruteng (Mag. 4.9)
27.08.2026 54km NNE von Labuan Bajo (Mag. 5.3)
und am 27.08.2026 kam es zur Eruption am Vulkan Lewotobi an der Ostküste der Insel - siehe Foto, aufgenommen am 27.08.2026 in Lewoleba >>

Vor dem Millenium habe ich für zwei Jahre auf dieser vulkanischen Insel gelebt und gearbeitet, dabei Respekt vor Naturgewalten wie Meeresströmungen, Erdbeben und Vulkanaktivitäten erworben.
Daher greife ich das Thema heute wieder einmal auf.

Vom westlichen Hafenort Labuan Bajo, dem Tor zum Besuch der letzten noch lebenden Dinosaurier, den Komodo Waranen, bin ich seinerzeit oft tauchen gegangen im spektakulären Komodo Nationalpark.

Vor meiner Reise nach Indonesien hatte ich in Deutschland den „Open Water“ Tauchschein in einem kleinen Baggersee gemacht und nun tauchte ich hier entlang von Strömungen in Tiefen bis zu 30 m, beispielsweise am Castle Rock.

Ich erlebte erstmals, wie eine Naturgewalt, hier in Form der gewaltigen Wasserströmung, mir aufzeigte, wie unsinnig es sein mag, dagegen ankämpfen zu wollen.
Nachfolgend erlebte ich wiederholt, wie Touristen und Einheimische durch diese Kraft der Natur zu Tode kamen.

Unweit des Krankenhauses Cancar, wo ich im Westen der Insel Flores tätig war, befindet sich der Vulkan Ranaka, bei dem sich aufgrund geologischer Gegebenheiten während seiner aktiven Zeit 1987 bis 1989 und dann 1991, ein zweiter vulkanischer Aufwurf entwickelte, der „Anak Ranaka“. Anak ist die indonesische Bezeichnung für „Kind“.
Es entstand eine zweite Aufwölbung nur wenige Jahre bevor ich hier eintraf. Die Bevölkerung nahm das alles sehr gelassen zur Kenntnis, was ich seinerzeit arrogant mit mangelnder Bildung begründete.

Aber ich lag völlig falsch mit meiner Einschätzung.
Nur wenige Monate nach meiner Ankunft kam es zu einem recht heftigen Erdbeben. Bei einem starken Beben weiß man nicht mehr wo links, rechts, oben, unten, hinten oder vorne ist. Und wenn das Urgeschehen sehr nah ist, dann ist es auch unbändig laut. Während meines ersten Erdbebens war es so. Ich war im freien Außengelände ungefährdet und habe mich zwangsweise einfach nur zu Boden gesetzt und auf ein Ende gewartet.

"Ende" heißt übrigens der Ort hier auf der Insel, der als Referenzort für das Beben vom 14.08.2026 genannt wird.
Hier ein Bild, welches ich im Anflug auf den Flughafen Ende gemacht habe >>

Auf der Insel Flores, ganz am östlichen Zipfel der Insel, befindet sich der Ort Larantuka“ der die Inspiration für Astrid Lindgren zu „Pipi Langstrumpf's Taka-Tuka-Land“ war.

Der zweite Ort an dem ich arbeitete war Lela, nur wenige Kilometer entfernt vom Ort Maumere. Maumere wurde im Jahr 1992 durch ein Beben der Stärke 7.5 bis 7.7 immens zerstört und die Schäden waren während meines Aufenthaltes damals noch eindrücklich ersichtlich.

Die Menschen vor Ort gingen sehr gelassen mit den Gegebenheiten um. Die sich stetig ändernden Farben der drei Kraterseen des Vulkan Kelimutu z.B. wurden als ein schönes Ereignis wahrgenommen, nicht als bedrohliche Veränderung. Einige Male haben ich hier oben den Sonnenaufgang erlebt. Ein fantastisches Erlebnis.

Im März 1999 befand ich mich im kleinen Krankenhaus St. Gabriel in Kewapante, als es zu einer Aktivität am unweit befindlichen Vulkan Lewotobi kam. Während ich voller Ehrfurcht auf die Aschewolke schaute, sagte eine ältere Dame zu mir: „Das geschieht häufig und wird jetzt sicher für ein paar Monate noch heftiger werden und sich dann wieder beruhigen. Wir sind hier weit genug entfernt, falls es zu einem starken Ausbruch kommt.

Diesen Pragmatismus erlebte ich nun zum dritten Mal.
> Bei Erdbeben hieß es immer nur raus und weg von Gebäuden und Schluchten.
> Bei Tauchtouren sagte mir ein Kapitän, dass wir bei einem Beben sofort an Bord kommen sollen und er dann direkt Kurs auf die offene See nehmen würde.
> Und hier an den Vulkanen wusste jeder, wo man sicher sein würde bei einer schweren Eruption.

Auf meinen Fahrten zwischen den Krankenhäusern im Westen und im Osten, machte ich stets am Fuße des Vulkan Ebulobu im Ort Boawae eine Übernachtungspause. Der Ebulobo rauchte stetig und ab und zu kam es auch zu hörbaren kleinen Eruptionen mit herabstürzendem Geröll. Mittlerweile aber vertraute ich auf die Kenntnisse der Einheimischen.

In den zwei Jahren, die ich auf der Insel verweilte, erlebte ich wiederholt heftige Erdbeben, vulkanische Aktivitäten und extreme Wetterbedingungen. Es gab auch immer wieder Opfer, obgleich man seinerzeit Gebäude nur im unteren Drittel aus Stein und Zement baute, nach oben weiter baute man nur mit Holz und Bambus. Entsprechend gab es kaum Verletzungen auch in Innenbereichen.
Das kleine Dorf Bena, wo man noch völlig traditionell lebte, befindet sich am östlichen Fuß des Vulkan Inerie, auf dessen Gipfel man direkt vom Dorfplatz schaut. Mit dem Heiler des Dorfes habe ich einmal zusammengesessen und ihn gefragt, wie man mit der potentiellen Gefahr des Vulkans umgeht. Er antwortete, dass man doch mit dem Vulkan zusammenlebt und man sehe, ob sich am Gipfel oder an den heißen Quellen in der Umgebung, in der Vegetation, wie auch im Verhalten der Tiere etwas verändern würde.

Es war alles so logisch, was die Menschen taten und wie sie planten und organisierten.
Als ich nachfolgend wieder in der „Zivilisation“ lebte und arbeitete, wirkte die Wahrnehmung von Naturgewalten plötzlich wieder bedrohlich.

Dann kam es am 26. Dezember 2004 zu dem historischen Beben vor der Küste von Sumatra, was selbst im 1.600 km entfernten Sri Lanka durch einem Tsunami, der bis zu 5 km ins Landesinnere gelangte, über 30.000 Opfer forderte.
In Indonesien kam es zu 160.000 Opfern, in Thailand verzeichnete man über 5.000 Opfer (die hälfte davon waren Touristen), in Indien verzeichnete man etwa 16.000 Opfer, die Malediven wurden überflutet und dort starben etwa 100 Menschen und selbst in Afrika (Somalia, Kenia und Tansania) verzeichnete man seinerzeit bebenbedingte Todesfälle.

In dem nachfolgenden Über-Eifer der Tsunami-Warn-Bestrebungen, den Tsunami-Plänen in Urlaubsregionen und der allgemeinen Panikmache, fragte ich mich, wie vernünftig dieses Agieren sein kann und ob es überhaupt Sinn macht.

Gleiches hatte ich ja zuvor im Bereich der „Reisemedizin“ erlebt während meiner zwei Jahre auf der Insel Flores.
Wenn ich dort seinerzeit bei einem Einheimischen eine Malaria diagnostiziert hatte, waren diese erleichtert, während Touristen bei dieser Diagnosestellung gleich Schnappatmung bekamen und den Tod erwarteten.

Das war dann 2005 auch der Beginn meines Projektes „TravelMedicus“.
Ich wollte Wissenschaft und Realität beim Thema Reisen und Medizin verbunden wissen und die Themen pragmanisch angehen.
Ende 2006 erschien dann die erste Print-Ausgabe des Journals.

2008 besuchte ich dann Khao Lak, den Küstenort in Thailand, an dem sehr viele Urlauber und Einheimische während des Tsunami 2004 ums Leben kamen. Wir wohnten in einem Hotel direkt am Strand und wieder einmal kam es zu einem Beben vor der Küste. So sah unser Strand nachfolgend am Morgen aus:

Schnell kam die Frage auf, was ist evidenzbasiert, wie sieht ein pragmatischer Umgang mit dem Thema aus und was ist naiv?

Für die erste Maiwoche 2010 war unsere Hochzeit geplant, zu der wir auf die Insel Seraya Kecil im Komodo National Park nach Indonesien eingeladen hatten. Auch wenn der Vulkan Eyjafjallajökull in Island der Flugverkehr Ende April 2010 durcheinander brachte, waren alle Gäste aus Europa und Asien letztendlich dann doch pünktlich zur Feierlichkeit auf der kleinen Insel.
Wieder hatte die Natur einen „störenden“ Einfluss und wieder kam die Diskussion zu Vorhersage durch Wissenschaft auf.

Im Juli 2010 las ich u.a. die im Journal of Natural Disaster Science 2001 publizierte Studie „The 869 Jogan tsunami deposit and recurrence interval of large-scale tsunami oft he Pacific coast of northeast Japan“ und wunderte mich, wie man in der Sendai Bucht von Japan so entspannt agierte, wo doch die eigenen Wissenschaftler hier mit einer staatlich finanzierten Untersuchung zu einem recht eindrücklichen Ergebnis gekommen sind.

Mit Kollegen, Freunden und Wissenschaftlern von NASA, ESA, dem DLR und aus meinem globalen medical QM Netzwerk, wurde es ein sehr spannender und fruchtbarer Austausch von Expertisen, was im Juli 2010 dann in einer verrückten Wette endete.

„Die nächste Naturkatastrophe begleite ich mit einem Kameramann!“

Ist so etwas überhaupt machbar? Und wenn ja, ist es nicht leichtsinnig bis dumm, vorsätzlich am Ort einer Naturgewalt sein zu wollen? Kann man sich überhaupt auf solch ein Ereignis vorbereiten?
Neben all diesen Fragen waren alle Kollegen weltweit eifrig in der Recherche und im August 2010 lagen die ersten Einschätzungen auf dem Tisch.
Ein Typhoon auf den Philippinen, ein Seebeben in der Bucht von Sendai in Japan und ein Ausbruch am Vulkan Merapi in Indonesien.
Ende August 2010 suchte ich nach einem Kameramann, der sich mit mir zum Vulkan Merapi wagte, aber keiner war so „irre“ und so kontaktierte ich einen Freund in Indonesien, der einen mutigen Kameramann kannte. Da ich die Sprache des Landes spreche, ließ er sich auf das Abenteuer ein und wenige Tage später trafen wir uns bei meiner Ankunft am Flughafen von Yogyakarta auf der Insel Java, wo er mich mit einem Fahrer abholte. Auch der Fahrer, der mit seiner Familie am Fuße des Merapi lebt, lies sich auf das Abenteuer ein.

Das Ergebnis:

Es war ein besonderes Erlebnis, es waren unvergessliche Momente, nicht nur als wir beim Ausbruch aus dem Ort Kaliadem mit dem Auto geflüchtet sind über menschenleere Straßen durch verlassene Regionen. Bei der Rückkehr nach Kaliadem nach dem Ausbruch, diese Leere, diese Stille, die ungebändigte Zerstörung, die Bewegung immenser Landmassen, ...

Dennoch wirkte alles sehr friedlich und obgleich der großen Angst in vielen Gesichtern vor Ort, herrschte überall eine herzliche Verbundenheit.

Insgesamt starben im Rahmen dieses Ausbruches 2010 etwa 350 Menschen. Unter den Opfern war auch der "Spirituelle Wächter des Vulkans" Mas Penewu Surakso Hargo. Mit ihm habe ich kurz vor der ersten Eruption gesprochen. Er hatte sich im Alter von 83 Jahren geweigert, sein Dorf am Hang des Vulkans zu verlassen und starb friedlich in der Hitze eines Lahars.

Das vollständige Video zum Ausbruch trägt den Titel "Gunung Api - Leben am Feuerberg" und ist hier nachfolgend werbefrei und uneingeschränkt abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=ai3kFmmK53M

Während unsere Aufzeichnungen noch im Schnitt waren, kam es im März 2011 dann zum wissenschaftlich seit über hundert Jahren erwarteten Beben in der Sendai Bucht von Japan.

Vor Ort war ich erschüttert über diese seit 2001 sich gezeigte Ignoranz gegenüber der wissenschaftlichen und publizierten Erkenntnisse. Was in der o.g. Studie zu lesen war, hatte sich nahezu 1:1 hier real wiedergespiegelt.
Das eigentliche Disater aber war, dass ein einziges Notstromaggregat am Kernkraftwerk Fukushima nicht regulär gewartet wurde und nur deshalb kam es zur Strahlungskatastrophe!

Zwei mal menschliches Versagen - und das diesmal in Japan!

Auf der Insel Bali in Indonesien hatte man infolge des großen Bebens vor Sumatra die Ausbildung im Umgang mit Naturkatastrophen deutlich ausgeweitet und so gab es u.a. am 13. Oktober 2011 in Kuta eine Veranstaltung zum Thema "Verhalten bei Erdbeben".

Wie weit Realität und Fachkenntnis wirklich beim ausbildenden Personal zugegen ist, zeigte sich hier eindrücklich.
Während der Veranstaltung kam es zu einem Beben der Stärke 6: Anstatt unmittelbar das Gebäude zu verlassen, wartete man erst einmal ab...

Sehen Sie selbst:

Nur zwei Tage später, am 15.10.2013, kam es auf den Philippinen in der Region Bohol zu einem Erdbeben der Stärke 7.2.
Die Zerstörung war gewaltig, wie diese Fotos meines Freundes Mack Miley eindrücklich zeigen.

Bohol 15.10.2013

November 2013

Mack ist ein Fotograf des Philippinischen Militärs, der mich wiederholt bei Einsätzen auf den Philippinen begleitete.

Mit ihm war ich auch nach dem Typhoon Haiyan/Yolanda im November 2013 auf der Insel Leyte unterwegs.
Über 7.300 Menschen kamen seinerzeit vor Ort ums Leben und Millionen Menschen wurden obdachlos.

Mein Fazit:

Naturgewalten selbst mit zu erleben ist etwas völlig anderes, als nach einer Naturgewalt vor Ort in der betroffenen Region zu sein und zu helfen.

Und wenn ich heute in Deutschland bin, während ein Hagelschauer unser Auto demoliert, oder wenn ich in Bangkok sitze und einen Blitzschlag beobachte, der nebenan einschlägt, frage ich mich stets, warum das Offensichtliche nicht gesehen, das Unsinnige aber stets prophezeit wird.

Naturgewalten sind normal, zu einer Katastrophe wird es nur durch den Menschen.


(23.08.2026 - tho - Aktualisiert am 27.08.2026)