Erst denken oder gleich knipsen?

Eine Frage der Ethik - an sich selbst.

Sicher kennen auch Sie eine Situation, in der sie absolut nicht fotografiert werden wollten.
Was aber, wenn dennoch jemand ein Foto gemacht hat? Und was tun, wenn dieses Foto auch noch in die Öffentlichkeit getragen wird?
Facebook, Twitter, Instagram, ... überall werden täglich tausende Bilder unüberlegt in die Öffentlichkeit getragen.

Menschen in Not

Auf Reisen suchen wir nach möglichst spektakulären Bildern, mit denen wir Freunde und Bekannte beeindrucken wollen.
Aber wie überlegt machen wir unsere Fotos eigentlich?

Fragen Sie jedes mal die Menschen im Bild, ob diese mit einem Foto einverstanden sind? Und fragen Sie explizit nach, wenn Sie dieses Bild dann auch noch in die Öffentlichkeit tragen wollen via Facebook, ....?

Während ich einmal für längere Zeit in einer abgelegenen Region im südöstlichen Asien geforscht und gearbeitet habe, ist es mir selbst einmal aufgefallen. Ich war mit dem Jeep unterwegs in kleine Dörfer und manchmal habe ich einfach so die Kamera gezückt und ein Bild gemacht. Auf einem davon war dann mein kleiner Freund Fandi zu sehen, den ich wahrlich unglücklich abgelichtet hatte. Fandi hat aufgrund einer Sauerstoffunterversorgung während der Geburt Bewegungseinschränkungen und spastische Lähmungen, ansonsten ist er geistig so fit wie ich es bin.
Fandi besucht auch eine Schule und da in seinem Heimatland Schuluniformen Pflicht sind, habe ich bei meinem nächsten Besuch seines Dorfes auch ein Foto von Ihm an seiner Schulbank gemacht.
Beide Bilder habe ich drucken lassen und ihm gezeigt und er sagte dazu: Hat man von Dir auch schon mal ein Bild gemacht, auf dem Du so doof aussiehst wie ich hier?

Ich antwortete: Nein, aber andere, auf denen ich auch doof aussah.

Mein Freund Fandi

So sieht Fandi im Alltag in der Schule aus. Ein unglücklicher "Schnappschuß"

Weder meine Bilder, noch die Fotos, welche ich von Fandi machte während meiner Zeit dort in Asien, wurden in die Öffentlichkeit getragen. Sie wurden in private Bilderalben geklebt.

Heute sieht das leider anders aus.

Lange Zeit habe ich nicht gewußt, wie ich dieses Thema einmal hier anbringen kann, aber eine junge Dame hat mich nun an diese Problematik erinnert und ich denke, nicht nur bezogen auf die nächste Urlaubsreise, sollten wir uns das Thema einmal vor Augen halten und unser zukünftiges Handeln gründlich überdenken.

Die junge Dame wurde im letzten Jahrhundert geboren (genau in dem Jahr, in dem die Boeing 737-800 auf den Markt kam - wie sie selbst in ihrem Blog schreibt - siehe: https://optischpilotin.wordpress.com/about/) und aufgrund ihrer Grunderkrankungen "reist sie sehr oft durch Krankenhäuser" und weder Krankenpflegepersonal, noch junge Assistenzärzte können ihr fachlich das Wasser reichen, wenn es um Hygiene, Medikamente und Narkotika, sowie um "sich richtig schlecht fühlen und Schmerzen" geht.

Was uns beide verbindet ist die Faszination am Fliegen, insbesondere mit einem Hubschrauber.

Die OP-Tisch-Pilotin schrieb am 08.02.2015:

Ich beobachte es immer wieder –
Eltern, in (rein subjektiv) den meisten Fällen Mütter, fotografieren ihre schwer kranken Kinder in allen möglichen Situationen, insbesondere in solchen, in denen es ihnen sehr schlecht geht… und… …posten diese Fotos auf Facebook.

Vor lauter “facepalmen” kriege ich jedes Mal eine knallrote Stirn.

Wieso haben erwachsene Menschen das Bedürfnis, die Blessuren und das Leid der Schwächsten ihrer Familie einem großen Publikum wildfremder Namen auf Facebook zu präsentieren?

Würden sie sich selbst auch halbnackt, narkotisiert, voller Schläuche und sich einfach nur erbärmlich fühlend im Internet sehen wollen?

– Sicher nicht, oder?

Warum tun diese erwachsenen Menschen das dann ihrem eigenen Kind, einem kleinen Menschen, der von ihrem Verhalten abhängig ist, an?

Häufig erlebe ich, dass diese Eltern auch nach Ansprache dbzgl. keinerlei Einsicht zeigen.
Ganz im Gegenteil – Sie werden biestig und angriffslustig.
Ihnen scheint häufig nicht klar zu sein, dass Kritik selten ohne sinnvollen Hintergedanken geäußert wird. Die, die nach diesem Schema agieren, sind trotz ihres erwachsenen Alters nicht in der Lage, sich selbst und ihr Handeln zu reflektieren.

Ich bin selbstverständlich auch nicht frei von Fehlern. Allgemein betrachtet.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass seit Facebook, Twitter und co. generell ein für mich persönlich sehr befremdliches Empfinden von Privat-/Intimsphäre herrscht.
Ich find's echt grauenvoll.
Hoffentlich wachen diejenigen mal aus ihrer Internetexhibistonismushypnose auf und unterlassen diese groben Verletzungen der Privatsphäre Schutzbefohlener.

Ihre Frage ist mehr als berechtigt!

Warum machen wir soetwas, warum fotografieren wir das Leid anderer Personen UND vor allem, warum publiziert man dieses dann auch noch?????

Jeder von uns sollte sich diese Frage nochmals eindringlich stellen und beim nächsten Finger am Abzug noch mal innehalten, sowie nach dem Knipsen wahrlich überlegt agieren mit dem Ergebnis.

Ich selbst sah stetig sehr unschöne Dinge im Rahmen meiner Tätigkeit im Disease & Desaster Management und ich habe für mich eine Entscheidung getroffen, was ich publiziere und was ich nicht mal meinen engsten Angehörigen je zeigen werde.

Das empfehle ich auch Ihnen.

Und ein herzliches Dankeschön an die liebe OP-Tisch-Pilotin, die mir die Wiedergabe ihrer Worte hier erlaubte. Du bist eine tolle Person und beeindruckende Persönlichkeit!

Mehr finden Sie auf: https://optischpilotin.wordpress.com/

Kommentar von einem Reisenden (27.02.2015)

Ich, Wilfried Hofmann, bin seit vielen Jahren gemeinsam mit meiner Frau Gisela, relativ viel unterwegs. Ein Höhepunkt dabei war unsere Weltumradelung von 2007 bis 2011. Zur Zeit sind wir auf Langzeitwanderung. Neben ganz ''normalen'' Ländern, waren wir auch in sehr armen Ländern unterwegs. Auch in sogenannten Krisengebieten waren wir für Wochen oder gar Monate zu Gast.
Natürlich gibt es zu all den Touren viele, viele Fotos. Da ich schon immer auch Vorträge gehalten habe, auch ein Buch zur Weltumradelung geboren wurde, wurde mir recht schnell bewusst, dass der Umgang mit Fotos ein sehr sensibler Bereich sein kann. Bei den Vorträgen erlebte ich die unterschiedlichsten Reaktionen zu Bildern. Ich muss zugeben, daraus habe ich viel gelernt. Ich gehe heute weit sensibler mit Fotos um. Erst denken oder gleich knipsen, ist für mich deshalb eine sehr berechtigte Frage!

Erst denken oder gleich knipsen?

Leid, Elend oder Not zu fotografieren, ist für mich persönlich eine Gratwanderung. Gewalt abzulichten, bringe ich selbst nicht auf die Reihe. Dies überlasse ich sehr gerne den schlechten, bzw. guten Fotoreportern.
Für mich gehört zu allen Problembildern unbedingt die allumfassende Aufklärung zum Foto dazu. Bilder erzählen ja eigentlich Geschichten. Das Bild selbst ist eine Momentaufnahme. Es gibt aber immer ein Vorher und ein Nachher. Die eigentliche Geschichte gehört für mich deshalb zum besseren Verständnis unbedingt beigefügt.

In Äthiopien haben wir die OP für einen Jungen bezahlt. Er hatte eine böse Krankheit. Das Loch im Bein musste unbedingt operiert werden. Ich kam gar nicht auf die Idee Bilder zu knipsen. Warum? Ich/wir waren zu sehr beschäftigt mit der Organisation und den eigenen Gedanken zu der ganzen Problematik.

Im Jemen habe ich einen essenden Jungen während einer Hochzeit abgelichtet. Das Bild habe ich später unterschiedlichsten Menschen gezeigt. Die Meinungen zu diesem Foto waren total unterschiedlich. Von sehr schön, bis zu, warum isst der Junge so schrecklich gierig, waren die Kommentare. Somit stand für mich nach reiflichen Überlegungen fest, ich werde dieses Bild nur bei Vorträgen zeigen, denn nur da habe ich die Möglichkeit, die notwendigen Hintergundinfos zu geben.

In der Türkei sahen wir einen Flüchtlingsjungen aus Syrien. Mit einer Personenwaage verdient er seinen Lebensunterhalt.

2 von den Bildern habe ich veröffentlicht. Ich erzähle dabei die kleine Geschichte zum verstehen der Bilder. Diese Bilder und die kleine Geschichte sind auf meiner HP: www.grenzenlosabenteuer.de (unter: Neues Abenteuer 2014 - Türkei Teil 3) einsehbar.

Immer wenn ich Bilder ins Netz stelle, in Vorträgen verwende, überlegen ich mir vorher, ob dies richtig ist. Dabei geht es mir in erster Linie immer um die Würde der Menschen auf den Bildern. Ich bin mir nicht sicher, ob mir dies immer zu 100% gelingt. Es wird wohl ewig auch eine Gratwanderung bleiben.

Mit freundlichen Grüßen,
Wilfried Hofmann


(10.02.2015 - tho - Update am 01.03.2015)

Nachfolgend Bilder von den Philippinen, wo wir nach einem Typhoon im Rahmen des Desaster Management mitagiert haben.



















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