Zika Virus & Reisen - was sollte man beachten?

Jetzt mal ein wenig ausführlicher:

Für die meisten von uns Mitteleuropäern sind alleine Namen wie z.B. „Zika“, „Dengue“ oder auch „Ebola“ mit dem Nimbus des unheimlichen und gefährlichen verbunden – denn so bringen uns die Massenmedien solch „exotische“ Viruserkrankungen gerne nah. Aber auch namhafte medizinische Fachveröffentlichungen schiessen in Ihren Darstellungen oft weit über das real Belegbare hinaus.

Betrachtet man die „Zika Situation“ mit den nüchternen Augen eines Infektiologen, so hat sich seit den ersten Veröffentlichungen in den 1950er Jahren kaum etwas substantiell Neues ergeben.

Das Zika Virus wurde erstmals im Jahr 1947 aus einem Rhesusaffen im Zika-Forest in Uganda isoliert (im Rahmen von Erforschungen des Gelbfiebers). Erste Erkrankungen beim Menschen wurden im Jahr 1954 beschrieben. In den folgenden 60 Jahren wurde kein direkt auf die Virusinfektion zurückgeführter Todesfall berichtet.

Dies ist auch wenig verwunderlich, denn die Infektion verläuft in etwa 80% der Fälle völlig ohne Symptome. Erkrankt man in Folge der Infektion, so sind die Symptome zumeist unspezifisch (z.B. mildes Fieber, Kopfschmerz, Muskelschmerz, Konjunktivitis, Ausschlag). In seltenen Fällen kommt es zu verschiedensten Komplikationen wie z.B. Encephalopathie, Immunthrombozytopenie, Leukopenie oder Prostatitis (eine Prostatitis löst übrigens bei betroffenen Männern oft unmittelbar eine relative Panik aus – Symptome dabei sind u.a. anfänglich schmerzlos auftretende „schwarze Flecken im Sperma“).

Die Übertragung des Virus erfolgt vornehmlich durch einen Mückenstich (primär durch Aedes aegypti oder Aedes albopictus), ist aber auch durch Blutkontakt, Sexualkontakt, oder kongenital (von der Mutter auf den Fetus) möglich.

Epidemiologie

Ein Vorkommen von Zika Infektionen wurde zunächst nur sporadisch in Afrika und im Verlauf in Südost-Asien beschrieben. Im Jahr 2007 kam es auf der mikronesischen Insel Yap zu einem ersten beschriebenen Ausbruch. Im Jahr 2013 wurde eine Ausbreitung über Pazifik-Inseln wie Französisch-Polynesien, Neukaledonien, Osterinseln, Cook-Inseln, Vanuatu und die Solomon Islands berichtet.
Hierbei wurde auch eine mögliche Assoziation zum post-infektiösen Auftreten eines Guillain Barré Syndroms (einer aufsteigenden Lähmungserkrankung) beim Menschen beschrieben.

Eine Neurotropie (also die Neigung Nervengewebe zu befallen) des Zika Virus wurde jedoch grundsätzlich bereits im Jahr 1952 beschrieben, so dass ein Vorkommen neurologischer Komplikationen keine neue und / oder überraschende Erkenntnis war oder ist.

Vermutlich im Jahr 2014 wurde das Virus in Lateinamerika eingeschleppt und im Jahr 2015 wurde – vornehmlich in Brasilien – ein grosser Ausbruch mit rascher Ausbreitung über Lateinamerika berichtet.
Laut Zahlen aus Brasilien sei es in diesem Zeitraum auch zu einer Ver-30-fachung von Mikrocephalie bei Neugeborenen gekommen. Ein zeitlicher Zusammenfall dieser Ereignisse ist jedoch kein Beweis einer Ursache-Wirkung Beziehung – und es ist durchaus möglich, dass die statistische Zunahme auf einer erhöhten Diagnose- und Melderate beruhen könnte. Tatsächlich gibt es bisher keinen definitiven wissenschaftlichen Beweis eines Zusammenhangs der Infektion von Schwangeren mit dem Zika Virus und einem in der Folge vermehrten Auftreten von Mikrocephalie bei Neugeborenen.

Das ECLAMC (Latin American Colaborative Study of Congenital Malformations) publizierte 2015 in einer Studie zum "Zika-Ausbruch und dem erhöhten Aufkommen von Microcephalie in Brasilien" zudem u.a. folgende Aussagen:

Auszug aus dem Report:

  • This ECLAMC estimated rate in Brazil (1.98/10,000) may be an underestimation for the Northeastern region where the prevalence of microcephaly was always higher than that of hospitals in the rest of Brazil.
  • This estimated ECLAMC congenital microcephaly rate does not differ significantly from that observed by EUROCAT in Europe as 2.85 (2.69 - 3.02).
  • This high rate resulting from exposure during any trimester of pregnancy has never been verified as due to any chemical, physical, or biological agent, which makes this correlation highly unlikely. The observed excessive number of cases is probably due to active search and over-diagnosis.
  • The current data, affected by the change of criterion determining the measurement of head circumference to suspect microcephaly do not allow to assess whether: 1. a real increase in microcephaly prevalence at birth occurred in Northeastern Brazil. 2. what was the magnitude of this increase. 3. was this increase due to exposure to the ZIKV or increased exposure to one or more environmental causes of microcephaly (STORCH, alcohol, prematurity, diabetes, etc.).

Am 1. Februar 2016 rief die WHO Vorsitzende Dr. Chan einen PHEIC (Public Health Emergency of International Concern) aus, im Zusammenhang mit einer möglichen Assoziation von Infektionen mit dem Zika Virus bei Schwangeren und Mikrocephalie bei deren Neugeborenen (wie vornehmlich aus Brasilien berichtet wurde).

In Folge dieses Beschlusses kam es zu einer nochmals intensivierten Berichterstattung in den Massenmedien und medizinischen Fachpublikationen, die auch in nicht-Endemiegebieten mitunter panische Ausmaße annahm.

Nach dem PHEIC

Haben sich die zuvor veröffentlichten Angaben und Annahmen bestätigt, welche die Begründung zum Ausrufen des PHEIC waren?
Am 1. März 2016 veröffentlichte das brasilianische Gesundheitsministerium Zahlen, deren genauere Betrachtung sich sicher lohnt (Selbstverständlich ist kritisch zu berücksichtigen, dass die Daten bisher nicht vollständig vorliegen):

  • Im Zeitraum vom 22. Oktober 2015 – 27. Februar 2016 wurden in Brasilien landesweit insgesamt 5.909 Verdachtsfälle von vermuteter Mikrocephalie gemeldet.
  • In davon 641 Fällen wurden bisher tatsächlich Hinweise auf eine Mikrocephalie oder auf „andere neurologische Schäden in Folge einer möglichen kongenitalen Infektion“ (also eine Infektion des ungeborenen Lebens im Mutterleib) gefunden. Um was für Infektionen es sich dabei handelte, konnte in den meisten Fällen bisher nicht ermittelt oder nachgewiesen werden. Es kann sich hierbei also um „irgendeinen Erreger“ gehandelt haben, also nicht spezifisch oder einzig um das Zika Virus.
  • In 1.046 Verdachtsfällen wurden keine entsprechenden Hinweise gefunden, für 4.222 Fälle liegen bisher noch keine abschließenden Daten vor.
  • Bei den bestätigten Fällen von Mikrocephalie wurde in 82 Fällen das Zika Virus im Labor (durch Serologie oder PCR) nachgewiesen. Dies ist im Umkehrschluss jedoch kein sicherer Beweis für das Zika Virus als Ursache für die aufgetretene Mikrocephalie.
  • Insgesamt 139 assoziierte Todesfälle standen im Zusammenhang mit Mikrocephalie oder „Veränderungen des zentralen Nervensystems nach der Geburt oder während der Schwangerschaft“. Davon wurde in bisher 31 Fällen eine Mikrocephalie bestätigt, 96 werden weiterhin untersucht und in 12 Fällen erfolgte keine Bestätigung.
  • Zu bedenken ist, das in Brasilien auch eine Definition von Mikrocephalie verwendet wurde (Kopfumfang <33cm), welche sich von der international üblichen Definition unterscheiden mag.

Von den 5.909 Verdachtsfällen verbleiben demnach in bisher 641 Fällen Hinweise auf eine Mikrocephalie oder andere neurologische Schäden in Folge einer Infektion durch irgendeinen Erreger während der Schwangerschaft.
Lediglich in 82 Fällen von aufgetretener Mikrocephalie konnte eine zuvor von der Schwangeren durchgemachte Zika Virusinfektion nachwiesen werden – ohne dass dies einen kausalen Zusammenhang belegt.

Nach den vorliegenden (unvollständigen) Daten gab es also in etwa 98.6% der Verdachtsfälle bis dahin keinen konkreten Hinweis einer tatsächlichen Mikrocephalie bei gleichzeitig bestätigter Infektion mit dem Zika Virus.
Bei den verbleibenden etwa 1,4% lag kein definitiver Ausschluss anderer Ursachen vor (dies ist nachträglich auch nicht mit endgültiger Sicherheit möglich). Hierzu gehören sowohl Infektionen während der Schwangerschaft durch andere Erreger (z.B. Röteln oder Cytomegalie), sowie auch u.a. Alkoholkonsum, Strahlenbelastung, Giftkontakt, genetische Disposition, verschiedene „Syndromerkrankungen“ und diverse andere mögliche Auslöser.

Update: Ein Artikel in NEJM vom 16. April 2016 versucht die aktuelle Evidenz für eine Kausalität von Zika-Infektionen während der Schwangerschaft und Geburtsdefekten, anhand der Anwendung von Shephard’s Teratogenitäts-Kriterien, näher zu beleuchten.

Sie reisen in eine Zika Virus Region?

Keine Panik!
Die "große Zika-Panik-Welle" liegt nun bereits über 9 Monate zurück und die aktuellen Geburtenraten sind nicht deutlich rückläufiger geworden in den Regionen mit nachgewiesenem Zika-Virusvorkommen, ebenso wird aus keiner Region der Welt nun plötzlich ein Anstieg von Neugeborenen mit Microcephalie nachgewiesen.

Update Februar 2017

Am Mittwoch, dem 01. Februar 2017 gab die WHO bekannt, dass die Infektionszahlen mit Zika in Lateinamerika und Brasilien zurückgegangen sind.
Der für Zika bei der WHO zuständige Ian Clarke sagte:
"The prevalence of Zika is dropping in the Americas."
Und er sagte weiter, dass es nicht klar sei, warum die Infektionszahlen sinken würden.

Wir hätten da eine Theorie...

Bedeutung für Reisende:

Auch wenn es noch keine definitiven wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang von Infektionen und Erkrankungen/Missbildungen bei Neugeborenen gibt, ist eine angemessene Zurückhaltung sicher nicht schädlich.

Also um ganz sicher gehen zu können, sollten Frauen, die in betroffene Regionen reisen werden in denen das Zika Virus nachgewiesen ist, eine Schwangerschaftsverhütung beginnend 4 Wochen vor der Abreise und mindestens 28 Tage nach Rückkehr aus den Endemiegebieten berücksichtigen.
Rückkehrende Männer sollten im Zweifelsfall für 8 Wochen (bei Symptomen für 6 Monate) Kondome verwenden, um eine potentielle sexuelle Übertragung des Zika Virus zu vermeiden


(01.03.2016 - grol / aktualisiert 02.02.2017 - tho)

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